Teurer Schrott
Trotz der aktuellen Preissteigerungen kann die Stahlindustrie auf diesen wichtigen Sekundär-Rohstoff nicht verzichten. Wofür man ihn braucht, wer ihn im Konzern beschafft – und warum Schrott nicht nur teuer, sondern auch Vorbild ist.
Ausrangierte Schienen werden mit dem Handbrenner auf die erforderlichen Längen gebracht
Schrotthändler unter sich:
DEUMU-Geschäftsführer Dr. Detlef Alsleben (links) und Prokurist Jürgen Mertner Schrott ist speziell in der Stahlindustrie weltweit gefragt wie nie, wird immer teurer – und damit zu einem zunehmenden Kostenfaktor. Darauf wies aktuell Dr. Wolfgang Leese, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG, bei der Hannover Messe hin (siehe auch die Seiten 20 bis 22). Und Dr. Detlef Alsleben, Geschäftsführer des konzernweiten Schrottbeschaffers DEUMU (Deutsche Erz- und Metallunion), erinnert sich: „Als ich meinen Job 2001 übernahm, kostete die Tonne Schrott umgerechnet rund 90 Euro – heute liegen wir bei weit über 300 Euro.“ Ohne Schrott würde die Stahlherstellung nicht funktionieren. Bei der Elektrostahlerzeugung wie in Peine (siehe Seiten 10 bis 13) wird fast ausschließlich Schrott verwendet, bei der Gewinnung von Stahl in integrierten Werken (wie in Salzgitter, siehe Seite 13) wird Schrott zur Kühlung beim Blasstahlprozess im Konverterstahlwerk benötigt. Entsprechend teilt sich die Schrottmenge auf, die die DEUMU in unterschiedlichen Sorten an die Unternehmen des Konzerns liefert. Dr. Alsleben: „30 Prozent gehen an die Salzgitter Flachstahl GmbH, 70 Prozent an die Peiner Träger GmbH. Allein dort werden rund 100 000 Tonnen Schrott im Monat benötigt.“ Das macht täglich 3000 Tonnen Schrott, die vor den Ofen gebracht werden müssen – „logistisch durchaus eine Herausforderung“.
Passt: das DEUMU-Logo ganz in Rost
Die DEUMU, gegründet Anfang der 40er- Jahre, betreibt mit einem Handelsvolumen von rund 2,2 Millionen Tonnen im Jahr in Salzgitter einen der größten Schrottplätze der Republik. Das Unternehmen bedient sich aus zwei Quellen: dem „Neuschrott“, der in der industriellen Produktion zum Beispiel in Presswerken bei Automobilherstellern oder auch in den konzerneigenen Stahlherstellungs- und Verarbeitungsprozessen anfällt, und dem Altschrott, den die DEUMU auf dem freien Markt kauft und der mit 80 Prozent den Löwenanteil ausmacht. Die DEUMU betreibt Niederlassungen in Salzgitter, Peine und Magdeburg, besitzt einen Lager- und Umschlageplatz im Bremer Hafen und ist zu 50 Prozent an einem mittelständischen Schrottunternehmen in Braunschweig beteiligt. Insgesamt sind rund 160 Mitarbeiter für die DEUMU im Geschäftsfeld Stahlschrott tätig.
Sortiert: Stahlschrott in handlichen Paketen
Der Schrott stapelt sich bis in den Himmel: Blick auf den Lagerplatz in Salzgitter
Der Greifer vor der Shredderanlage in Salzgitter packt das, was einmal ein Auto war
Sortiert: Autofelgen im Dutzend
Sortiert: Kupfer bringt der DEUMU gutes Geld
Urgewalten in Peine
Muss einmal am Tag gewechselt werden: die Grafitelektrode im Elektrolichtbogenofen. Sie ist mit einem Durchmesser von 800 mm die größte der Welt
Ein Gewitter ist nichts dagegen: Wenn Schrott bei 7000 Grad geschmolzen
wird, dann wackelt die Hütte – bis zu 40-mal am Tag. Und ab 2010 donnert
und blitzt es noch häufiger bei der Peiner Träger GmbH ...
Wenn Hieronymus Bosch noch einmal ein Bild von der Hölle malen könnte – an diesen Motiven hätte er seine wahre Freude
Da in Peine der Stahl zu 100 Prozent aus Schrott hergestellt
wird, verfolgt man die Preisentwicklung dieses Sekundär-Rohstoffes
besonders intensiv. Warum ist Schrott bei der Stahlherstellung
so begehrt? Matthias Schöring hat dafür eine einleuchtende
Erklärung: „Gerade in Schwellenländern werden bevorzugt
Elektrostahlwerke errichtet, weil das viel billiger ist. Da Schrott
ja schon Stahl ist, muss man ihn, vereinfacht ausgedrückt, nur
schmelzen, man benötigt also ‚nur‘ ein Stahlwerk. Große Investitionen
für ein zusätzliches Hochofenwerk inklusive Kokerei und
Sinteranlage fallen nicht an. 35 Prozent der Weltstahlproduktion
werden mittlerweile in Elektrostahlwerken gewonnen.“
Für die Belieferung mit dem Rohstoff Schrott ist in Peine die
Konzerntochter DEUMU zuständig (siehe vorstehenden Bericht)
– und die DEUMU ist auch ein unverzichtbarer Gesprächspartner,
wenn es um die Logistikaspekte des Investitionsprogramms
„PTG 2010“ geht. Insgesamt investiert der Salzgitter-Konzern
rund um den Bau eines zweiten Elektrohochofens, einer schweren
Trägerstraße und einer Universal-Mittelstraße 400 Millionen
Euro. „Allein 55 Millionen Euro gehen davon in die Logistik“,
sagt Jürgen Korth, Mitglied der Geschäftsführung in Peine und
zuständig für die Technik.
Jürgen Korth, Mitglied der
Geschäftsführung der Peiner
Träger GmbH und zuständig
für den Bereich Technik,
präsentiert einen der Logistik-
Pläne, die im Rahmen des
Projektes „Peine 2010“ unter
wissenschaftlicher Begleitung
entstanden sind (oben).
Matthias Schöring, Leiter des
Stahlwerkes, vor der Stranggießanlage
(oben rechts).
Noch rot glühend – aber
die Form der Vorblöcke ist schon
zu erkennen (rechts).
Insgesamt wurden in Peine im
vergangenen Jahr 1,1 Millionen
Tonnen Stahl hergestellt
In vielen Workshops, an denen neben der DEUMU auch Vertreter
der VPS (Verkehrsbetriebe Peine Salzgitter) und der PTG teilnehmen,
entstand in den letzten Jahren eine detaillierte Logistikplanung.
Jürgen Korth: „Ausgangspunkt war die Tatsache, dass die
Transportmengen bei uns ab 2010 um 82 Prozent höher liegen werden
als heute.“
Da weiterhin 85 % der Güterbewegungen per Bahn erfolgen sollen,
galt das besondere Augenmerk diesem Bereich. Wesentliche
Verbesserungen können hier allein schon durch eine Optimierung
der Infrastruktur geschaffen werden. Jürgen Korth nennt ein Beispiel:
„Wir steigern die Transportmenge um rund 50 %, vergrößern
die Gleiskapazitäten aber nur um rund 35 %.“
Erweitert werden sollen außerdem die Lagerflächen für Schrott.
Jürgen Korth: „Damit vermeiden wir Zwangskäufe bei besonders
hohen Preisen.“ Dieses Lagervolumen in Peine soll auf 140 000 Tonnen
vergrößert werden. Korth: „Insgesamt erhöhen wir unsere Vorhaltezeit
von drei auf vier Wochen.“
Ebenfalls geplant: eine Wiederbelebung des Hafens in Peine, über
den irgendwann einmal 300 000 Tonnen verschifft werden sollen.
Spätestens dann hat die PTG die optimalen Anbindungen: Sie kann
per Bahn, per Schiff und per Lkw erreicht werden.
Auch die klassische Metallurgie braucht Schrott
Stahlherstellung in Salzgitter. Links der Konverter
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