Stahl Klingt
Der Gitarrist Der Hamburger Clemens Rating ist
ein Star an der Maccaferri- oder Django-
Reinhardt-Gitarre. Die Saiten
des Instruments sind alle aus Stahl Nicht nur im Instrumentenbau ist der Werkstoff unverzichtbar – auch bei der Errichtung von Konzerthäusern wird er weltweit immer wichtiger.
Ohne Musik wäre das Leben
ein Irrtum“, sagte der Philosoph
Friedrich Nietzsche.
Und der Komponist Ludwig
van Beethoven meinte: „Musik ist höhere
Offenbarung als alle Weisheit und
Philosophie zusammen.“ Musik hat die
Menschheit schon immer begleitet – und
angesichts von Millionen iPods und ihrer
im Rhythmus wippenden Besitzer haben
die Aussagen der ehrwürdigen Herren
nichts von ihrer Aktualität verloren … Ein wichtiger Werkstoff im Instrumentenbau
ist Stahl. Für die Saiten von
Streich- und Zupfinstrumenten wird er
genauso genutzt wie im Klavier- und
Flügelbau. Reinhard Renz aus Erlbach
in Sachsen stellt in vierter Generation
Saiten für Streich- und Zupfinstrumente
her. Er sagt: „Die aus Stahl schätze ich
wegen ihres kräftigen und metallenen
Klanges.“ Darüber hinaus wird Stahl im Instrumentenbau
für viele strukturelle Teile
verwendet. Beispiele sind hier Klaviere
und Flügel, aber auch Schlagzeuge und
Zupfinstrumente. Eine wichtige Rolle
spielt der Werkstoff darüber hinaus beim
Bau der Spielstätten. Da diese immer
spektakulärer geraten, wird Stahl zunehmend
wichtig – denn nur er trägt auch
die gewagtesten Entwürfe. Last but not
least verhilft er zu guter Akustik, die immer
noch entscheidend für den Erfolg
eines Konzerthauses ist. Große Stahlfedern
sollen zum Beispiel den Konzertsaal
der künftigen Elbphilharmonie in Hamburg
von dem übrigen Gebäude abkoppeln,
um Dissonanzen zu vermeiden. Stahl klingt. In welch vielfältiger Weise, zeigt STIL Ihnen auf den kommenden Seiten.
Der Rocker Steffen Karsten, Mitglied der Death- Metal-Gruppe „Gods of Hate“, bei einem Auftritt. Die sechs Saiten seiner selbst entworfenen Custom-Gitarre sind aus Stahl
Der Geiger Bummel Weiss spielt mit seinem Cafe Royal Salonorchester auch zu Herzen gehende Zigeunerweisen. Aus Stahl ist die dünnste Saite seiner Geige, die e-Saite „Jedes unserer Pianos ist ein Unikat“
Der Schimmel Klingt nicht nur gut, sondern sieht auch noch gut aus: ein weißer Flügel, sozusagen der Schimmel von Schimmel In neun Monaten entsteht ein Qualitätsinstrument – Stahlsaiten haben eine Zugkraft von 20 TonnenEiner der renommiertesten Hersteller ist die Firma Schimmel aus Braunschweig, die seit 1885 Flügel und Klaviere fertigt. Ein Blick in die Produktion zeigt: Flügel und Klaviere herzustellen ist eine Kunst. Rund 10 000 Teile – vom Federchen bis zum Eisengussrahmen der Raste – werden zusammengefügt. „Jedes unserer Instrumente ist ein Unikat und hat eine Seele“, sagt Geschäftsführer Hannes Schimmel-Vogel. „Es entsteht in einem Prozess, in dem handwerkliches Können und jahrelange Erfahrung im Umgang mit Holz, Eisen und Stahl unabdingbar sind.“ „Wir könnten ein Piano rein technisch viel schneller zusammenbauen“, sagt Entwicklungschef Martin Henschel. „Das wäre aber schlecht für den Kunden, denn man könnte es gar nicht spielen.“ Die gesamte Bau- und vor allem Abstimmungsarbeit dauert sehr viel länger: Ganze neun Monate benötigen Klavierbauer, Modelltischler und andere Handwerker bei Schimmel für ein Qualitätsinstrument, das zwischen 180 und 540 Kilogramm wiegt und zwischen 8000 und 92 000 Euro kostet. Immer wieder wird das Instrument gestimmt, und die einzelnen Teile des Spielwerkes werden aufeinander abgestimmt. Oder dem Instrument werden Reifezeiten gegönnt. „Spannungsaufbau“ nennen die Fachleute diesen komplizierten Prozess. Damit ein Piano später seinen Wohlklang entfalten kann, braucht es auch Stahl. Da sind die mehr als 200 Saiten, die zusammengenommen eine Zugkraft von mehr als 20 Tonnen auf den Resonanzboden ausüben. Sie werden von sogenannten stählernen Stimmwirbeln gehalten. Das Besondere an diesen Wirbeln besteht darin, dass das Gewinde sehr genau geschnitten sein muss, weil durch Drehung dieser Wirbel die Saiten gestimmt werden. Die Stahlsaiten, über welche die tieferen Töne erzeugt werden, sind übrigens mit Kupferdraht umwickelt, womit mehr Volumen erzeugt wird. Würde auf die Umwickelung verzichtet werden, müssten die Saiten – und damit das ganze Instrument – bis zu sieben Meter lang sein. Nicht nur private Kunden hätten bei dieser enormen Größe sicher ein gewisses Platzproblem. „Die Kunden nutzen gern auch nach dem Kauf unser Auswahlzentrum in Braunschweig“, sagt dessen Geschäftsführer Wolfram Bäse-Jöbges. Hier werden sie mit ihrem Instrument vertraut – manchmal dauert dies mehrere Tage, „denn unsere Kunden haben einen hohen Qualitätsanspruch“. „Töne kommen besser rüber“Warum die dünne e-Saite immer aus Stahl ist
Christian Adam in seiner
Ahrensburger Werkstatt.
Der 46-Jährige ist mit einer
Musikerin verheiratet
Da er viel mit Reparaturen beschäftigt ist und immer wieder Konzerte in aller Welt gibt, kommt er viel zu wenig zu dem, was er am liebsten macht: dem Bau von Instrumenten. „Für eine Geige brauche ich bis zu 250 Stunden“, sagt Adam. Als Vorbild für seine Instrumente nimmt er die Prachtstücke der alten italienischen Meister wie Stradivari. Das hat nichts mit Plagiaten zu tun – Neukonstruktionen sind im Instrumentenbau grundsätzlich kaum üblich. Technisch ist das übrigens kein Problem: Das Handwerk hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Nur die Materialien sind teilweise neu – wie Stahl. „Für die dünnste der vier Geigensaiten nehmen wir heute oft reinen Stahl“, sagt Adam. Gründe gibt es dafür mehrere: „Stahl hat gerade bei hohen Tönen mehr Tragfähigkeit, und außerdem verstimmen sich Stahlsaiten weniger.“ Die anderen drei Saiten besitzen einen Stahl-, Kunststoff- oder Darmkern und sind mit Aluminium, Silber oder Wolfram umwickelt. Falsche Töne? Dann wird die Geige wieder geöffnetAm Anfang jedes Geigenbaus steht die Innenform, um die das Instrument gefer- tigt wird. Der Korpus wird aus Fichte und Ahorn erstellt, Griffbrett, Wirbel und Saitenhalter oft aus Ebenholz. Insgesamt besteht eine Geige aus 14 Bauteilen. Nach der Handwerksarbeit folgt die aufwendige Justierung. Adam: „Wochenlang spiele ich das Instrument so oft wie möglich und notiere mir, welche Töne mir gefallen und welche nicht.“ Wenn der Geigenbauer glaubt, alle Fehler entdeckt zu haben, öffnet er mitunter sogar die Geige und arbeitet nach. Oft reicht es aber, andere Saiten zu nehmen oder Einstellungen minimal zu ändern. Dieser Zyklus kann sich einige Male wiederholen. Kein Wunder also, dass gute Geigen mehrere Tausend Euro kosten ... Es kommt auf den Typ anStahlsaiten sind bei Western- und E-Gitarren Standard
Gitarrensaiten gibt es viele …
Blick in Wichmanns Laden
Für die gute alte Konzertgitarre mit ihrem weichen Klang ist Nylon (oder Darm) bis heute Pflicht, Western-, Jazzund E-Gitarren werden ausschließlich mit Stahlsaiten bestückt. Zu den Klangunterschieden sagt Wichmann: „Stahlsaiten können wesentlich höher gespannt werden und klingen deshalb heller, außerdem stehen die Töne länger im Raum.“ Der Hals dieser Gitarren enthält außerdem oft einen spannbaren Stahlbogenkern, um die Gegenspannkraft des Holzhalses gegenüber dem Zug der Stahlsaiten zu korrigieren. Und noch einen wesentlichen Unterschied gibt es: Stahlsaiten werden fast nur mit dem Plektron gespielt. Michael Wichmann, 64, ist studierter Maschinenbau-Ingenieur, widmete sich aber schnell aus Neigung dem Gitarrenbau. Seine Jahresproduktion beträgt bis zu 30 Instrumente. Viele Musiker gehen bei ihm ein und aus. Einer von ihnen ist Clemens Rating, der auf den Auftaktseiten dieser Reportage zum Tanz aufspielt. Seine Gitarre ist eine sogenannte Maccaferri- Gitarre, die klanglich zwischen Konzert- und Westerngitarre liegt. Wichmann hat Ratings Gitarre kürzlich einen Stahlstab ins Griffbrett eingefräst – um dem Klang mehr Biss zu geben …
Der 64-jährige Michael
Wichmann betreibt Gitarren- Werkstatt ...
... und Gitarren-Laden an
der Hamburger Bundesstraße Stahl im Konzerthausbau
Elbphilharmonie Hamburg Mehr als 100 Meter hoch:
Die Elbphilharmonie soll
das neue Wahrzeichen von
Hamburg werden Guter Klang auf StahlkissenAuch für die Statik ist der Werkstoff unverzichtbarBeim Bau des Konzerthauses der Architekten Herzog & de Meuron kommen neben jeder Menge Glas 8000 Tonnen Stahl zum Einsatz. Planer mögen zunehmend weiche Formen wie bei der Elbphilharmonie – und dafür brauchen sie Stahl. Denn dieser Werkstoff ist die Basis ausgeklügelter Statik. So verwenden die Erbauer der Elbphilharmonie Stahl nicht nur im Dach – die Bauzeichnungen, nach denen der Stahl geflochten wird, sehen aus wie Flugkarten in ein unbekanntes Land –, sondern auch als Stahlbeton im Speicher. Dieser rote Backsteinbau mit seinem trapezförmigen Grundriss bildet das sachliche Fundament zum verspielten Oberteil des Gebäudes. Es wurde zunächst entkernt, bis nur noch die Fassade stand. Weil die ohne Innenwände auseinandergefallen wäre, wurde sie mit acht Stahlbändern von jeweils 340 Meter Länge eingefasst. Zu den bestehenden 1111 Stahlbetonpfählen, auf denen der alte Speicher fußt, kamen 650 hinzu. Die Pfähle reichen durch den Elbschlick in die tiefer liegenden Sandschichten und verleihen dem neuen Gebäude so Standfestigkeit. Der Salzgitter Mannesmann Stahlhandel, Niederlassung München, hat für den Bau 260 Tonnen Grobbleche der Konzernschwester Ilsenburger Grobblech GmbH an den Haslinger Stahlbau in Österreich geliefert. Eine ganz wichtige Rolle spielt Stahl auch für den Klang in der Elbphilharmonie, der einmal zu den besten der Welt gehören soll. Um den eigentlichen Konzertsaal akustisch vom Rest des Gebäudes abzukoppeln, lagert die Betongründung des Saals frei schwingend auf 250 stählernen Federkissen mit je sechs bis acht Spiralfedern. Oben wird sie noch einmal von etwa 90 stählernen Federpaketen abgefedert. Ein Prinzip, das auch beim Bau eines kleineren Saales angewendet wird. Die Elbphilharmonie: Ein Bauvorhaben, das nicht nur wegen seiner Architektur diskutiert wird. Die Baukosten haben sich seit Baubeginn auf 450 Millionen Euro fast verdoppelt …
Diese Animationen zeigen, ...
... wie die
Elbphilharmonie einmal aussehen wird
Oktober 2009: Noch fehlt die gläserne
Haube auf dem alten Kaispeicher
Statische Herausforderung
Die Concert Hall in
Downtown Los Angeles
Blick auf Stahlrahmenwerk, glänzende FassadeDas Aufsehen erregende Bauwerk, das übrigens nicht nur positive Reaktionen hervorrief, steht in Downtown Los An- geles und ist eines von vier Veranstaltungsgebäuden des „Los Angeles Music Center“, einem der größten Zentren der darstellenden Kunst in den Vereinigten Staaten. In dem Gebäude, dessen Akustik ein- hellig gelobt wird, sind das „Los Angeles Philharmonic Orchestra“ und die „Los Angeles Master Chorale“ beheimatet. Das Bauwerk hat die Form eines großen Segelschiffes mit gebogenen und gewellten Umrissen. Es besitzt eine Fläche von 2140 Quadratmetern und bietet Platz für 2265 Besucher. Die Decke in Gestalt von Holzbögen und die versetzte Anordnung der Sitz- plätze sorgen für eine moderne Akustik und den Charakter einer traditionellen Konzerthalle. Für die Akustik des Resonanzkörpers war übrigens der Japaner Yasuhisa Toyota verantwortlich, der auch das Akustik-Konzept für die Elbphilharmonie in Hamburg ausgetüftelt hat. Schallsegel von 75 Tonnen
Konzerthaus Kopenhagen In der Bauphase war sie gut zu
erkennen: die Stahl-Unterkonstruktion
des Schallsegels Kubusförmiges Gebäude leuchtet mit blauer Glasfiber-FassadeMittlerweile wurden die Eintrittspreise gesenkt …
Kosten verdreifacht
Nicht zu übersehen: das
Konzerthaus
Kopenhagen.
Es ist Teil der neuen Medienstadt
auf der Kopenhagener
Insel Amager. Das Konzerthaus
kostete mit umgerechnet
230 Millionen Euro fast dreimal
so viel wie ursprünglich
veranschlagt
400 Tonnen RundrohreWeiße Säulen dominieren preisgekröntes Gebäude
Philharmonie in Luxemburg
Edel & elegant: die Luxemburger
Philharmonie mit 823
weißen Säulen Die Außenfassade der Philharmonie sollte nach den Planungen des Architekten Portzamparc einem „eisernen Vorhang“ gleichkommen. Dieses Vorhaben wurde durch die ausgesprochen engen Stützenabstände, die im Vergleich zum Systemabstand relativ großen Stützendurchmesser und die Anordnung mehrerer Stützen radial hintereinander verwirklicht.
Modern und kühl
Die Baukosten für die
Philharmonie in
Luxemburg betrugen
113,5 Millionen Euro.
Die Konzertorgel in der
Philharmonie wurde
übrigens von einer
Berliner Firma gefertigt
Ein Mitarbeiter prüft die Unterschiede
des Schall-Emissionssignals durch „Behämmern“ des Rohres Geprüft wird mit SchallVon Getriebe-Cellos und Tür-Harfen
Die „Ford Focus Car Parts Band“ spielte auf Instrumenten aus Autoteilen
Erinnern Sie sich? 2008 schaltete
Ford einen ungewöhnlichen
TV-Spot für seinen neuen Focus:
Ein Orchester spielte mit Focus-Instrumenten
Klassik. Doch das Publikum war
skeptisch: Musik aus Autoteilen? Das
war doch bestimmt getürkt …
Um das Gegenteil zu beweisen, ließ Ford einen Benefiz-Song aufnehmen und schickte die Band „Travis“ mit Focus- Instrumenten in ein Studio. Für den Song „Six O’Clock“ holte sich Ford den Genesis- Gitarristen Mike Rutherford sowie den Schlagzeuger Kenny Jones von The Who. Rutherford durfte sich an der Kupplungs- Gitarre austoben, Jones bearbeitete die „Wheel Drums“, die aus den Felgen des Focus gefertigt sind. Begleitet wurden die Pop-Legenden vom nationalen Sinfonie- Orchester. Die „Ford Focus Car Parts Band“, die im Werbespot den Autoteilen Klänge entlockte, wurde vom Musikproduzenten Bill Milbrodt aufgebaut. Er ließ einen fünftürigen Focus in seine Bestandteile zerlegen: „Das Auto kam direkt vom Band. Es brauchte sechs Leute und sieben Stunden, um das Auto auseinanderzubauen.“ Bei der Konstruktion waren viel Kreativität und Experimentierfreude gefragt. Für die Bassgitarre zum Beispiel wurden der Kotflügel und auch Teile der A-Säule verwendet. Insgesamt wurden 31 Instrumente gebastelt, von der Kupplungs- Gitarre über das Getriebe-Cello oder die Tür-Harfe bis zur Heckklappen-Trommel. Übrigens: Salzgitter Flachstahl und Salgitter Europlatinen wurden von Ford mit dem Q1-Award für Lieferqualität ausgezeichnet.
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